Aktualisiertes Beiratspapier zu Familien in Armutslagen
Der Beirat der Bundesstiftung Frühe Hilfen und des NZFH formuliert in dem vorliegenden Papier aktuelle Empfehlungen für die (Familien-)Politik in Deutschland. Sie basieren auf aktuellen Daten und Ausführungen zu Frühen Hilfen als innovativem Baustein für die Prävention von Armut und Armutsfolgen.
Das im März 2025 veröffentlichte Beiratspapier stellt zunächst aktuelle Daten und Herausforderungen von Familien in Armutslagen dar und diskutiert diese mit Blick auf Frühe Hilfen. Grundlage sind unter anderem Ergebnisse der NZFH-Studie KiD 0-3 2022.
Mit seinen Ausführungen zu innovativen armutspräventiven Merkmalen der Frühen Hilfen und Empfehlungen an die Politik ergänzt das Beiratspapier den Beitrag des NZFH-Beirats Frühe Hilfen für Familien in Armutslagen, der im Jahr 2020 in der Publikationsreihe Kompakt erschienen ist.
Das aktualisierte Beiratspapier steht als PDF-Datei zur Verfügung, einschließlich vollständiger Quellenangaben:
Lesen Sie hier das aktualisierte Beiratspapier:
Armut – ein gesamtgesellschaftliches Problem
Die Bekämpfung von Armut zählt zu den zentralsten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Die Mitglieder des Beirats sehen in ihren jeweiligen beruflichen Kontexten die negativen und langanhaltenden Auswirkungen von Armut bei Kindern und ihren Eltern. "Kinder lernen, dass es keine Perspektiven gibt. Sie sehen von Anfang an, wo ihre Grenzen sind. Wie willst du Kindern erklären, sie sollen für jedes Ziel kämpfen, wenn sie sehen, dass die Ziele nicht erreichbar für sie sind?" (Brodesser 2023). Armut wirkt sich auf die ganze Familie aus und hat langfristige Folgen, nicht nur für die Familie, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Aus diesem Grund nehmen sich die Frühen Hilfen des Themas Armut an und arbeiten gemeinsam mit den Familien auf Grundlage einer armutssensiblen Haltung. Durch die Arbeit vor Ort und durch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung sind die Frühen Hilfen auch bei diesem sensiblen Thema am Puls der Zeit und weisen auf Missstände hin.
Wir als Beirat der Bundesstiftung Frühe Hilfen und des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) sehen mit Sorge, dass
- sich die Armutsquote weiterhin auf einem hohen Niveau bewegt, denn jedes fünfte Kind, und in Ostdeutschland sogar jedes vierte Kind, wächst derzeit unter Armutsbedingungen auf,
- die lange Verweildauer in Armutslagen nicht ausreichend wahrgenommen wird,
- Familien in Armut von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sind,
- in Deutschland nicht ausreichend auf den Erfolgsfaktoren gelingender Armutspräventionund funktionierender Ansätze zur Bekämpfung von Armutsfolgen aufgebaut wird und
- die politisch Verantwortlichen sich nicht auf einen abgestimmten, zeitgemäßen und angemessenen Ansatz zur Bekämpfung von Armutsursachen und zur Minderungder Folgen insbesondere für Kinder einigen können.
Mit dieser Stellungnahme und unseren Empfehlungen wollen wir uns als Beirat in die fachliche und politische Diskussion einbringen, für die Frühen Hilfen als Teil funktionierender und innovativer Armutsprävention werben und uns als Lösungspartner für die Politik anbieten. Vor allem wollen wir auf die von Armut belasteten Kinder und deren Eltern aufmerksam machen, die allzu oft in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft verschwinden. Wir verstehen den Beitrag anwaltschaftlich für die von Armut belasteten Kinder und deren Eltern. Sie brauchen eine Armutsprävention, die die individuellen, aber auch gesellschaftlichen Ursachen dieses Problems aufgreift, ohne marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu diskreditieren.
Armut – Fakten und Folgen
Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst unter Armutsbedingungen auf (vgl. BA 2024). "In Deutschland leben im Jahr 2022 rund 8,5 Millionen Familien mit 14,2 Millionen minderjährigen Kindern. […] Je nach Datenquelle liegt das Armutsrisiko von Kindern zwischen 15 und 23 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt liegt die Armutsrisikoquote von unter 18-Jährigen im Jahr 2022 bei 14,8 Prozent. Demzufolge leben etwa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche in armutsgefährdeten Familien" (BMFSFJ 2024, S. 94).
Gerade bei alleinerziehenden Eltern zeichnet sich eine erhöhte Armutsgefährdung ab. "Alleinerziehende Familien sind nach wie vor die am stärksten von Armut betroffene Familienform in Deutschland. Fast 700.000 von ihnen oder 41 Prozent gelten als einkommensarm […]. Hier sind zwischen 8 Prozent (bei einem Kind) und 30 Prozent (bei 3 und mehr Kindern) armutsgefährdet. Knapp die Hälfte aller Kinder, die in einer Familie mit Bürgergeldbezug aufwachsen, leben mit nur einem Elternteil zusammen" (Bertelsmann 2024). Dies ist hinsichtlich der hohen Erwerbstätigkeitsrate von 71 Prozent von alleinerziehenden Müttern, die zudem häufiger in Vollzeit als Mütter in Paarfamilien arbeiten, kritisch zu diskutieren (vgl. Bertelsmann 2024).
Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Dennoch erlebt ein hoher Anteil aller Kinder über einen längeren Zeitraum dauerhaft oder wiederkehrend existenzielle Mängel (vgl. Tophoven u. a. 2017). Armut lässt sich als mehrdimensionales Phänomen betrachten, das sowohl die existenziellen Grundlagen, die gesellschaftliche Ungleichheit als auch die politische Dimension impliziert (vgl. BMFSFJ 2024, S. 91). Die politische Dimension zeichnet sich vor allem durch den Bezug von Grundsicherung ab. "Ein Indikator für Armut ist der Bezug von staatlichen Leistungen zur Grundsicherung. 10 Prozent der Familien geben an, solche Leistungen zu beziehen, und gelten daher als arm" (Ulrich u. a. 2024, S. 2). Zu dem Bezug von staatlichen Leistungen kommen jedoch weitere multiple Belastungslagen, die Familien direkt betreffen. "Besonders häufig sind Alleinerziehende, Paare mit drei oder mehr Kindern, Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit geringer formaler Bildung von Armut betroffen" (NZFH 2024). Daraus ergeben sich folglich eine Vielzahl von Belastungsfaktoren für die Familien. Gerade psychosoziale Belastungen treten bei Familien in Armutslagen gehäuft auf.
Armutsbetroffene Eltern berichten in der NZFH-Studie KiD 0-3 2022 häufig von Anzeichen psychischer Probleme, ungeplanter Schwangerschaft, Gewalterfahrungen oder herausfordernden emotionalen Verhaltensweisen ihrer Kinder (Ulrich u. a. 2024, S. 4). Somit wirkt sich Armut direkt auf die kindliche Entwicklung und das gesamte Familienleben aus. "Armut ist nicht nur ein Risikofaktor für die Eltern und das Familienleben, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit von Belastungen in breiten Bereichen der kindlichen Entwicklung. Dies betrifft sowohl die körperliche und seelische Gesundheit, die Sozialentwicklung als auch die kognitive Entwicklungund damit die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen" (BMFSFJ 2021, S. 224).
Frühe Hilfen als ein innovativer Baustein gelingender Armuts(folgen)prävention
Frühe Hilfen richten sich an alle Familien. Zugleich sollen insbesondere Familien in belastenden Lebenslagen darin unterstützt werden, ihren Kindern ein Aufwachsen in Wohlergehen zu ermöglichen. "Durch ihren präventiven Ansatz sind Frühe Hilfen wichtige Anlaufstellen für Familien in Armutslagen. In ihrer Lotsenfunktion können Fachkräfte in den Frühen Hilfen armutsbetroffenen Familien weiterführende Unterstützungsangebote vermitteln" (NZFH 2024,S. 1). Die Angebote der Frühen Hilfen sind ein Einstieg in das vielfältige Unterstützungssystem für Familien und dienen als Türöffner, zum Gesundheits- und Kinder- und Jugendhilfebereich. Durch die interdisziplinäre Ausrichtung der Frühen Hilfen kann den unterschiedlichen Belastungslagen von armutsbetroffenen Familien begegnet werden. Die Frühen Hilfen beziehen dabei die soziokulturellen Bedingungen, in denen die Familie bzw. das Kind lebt, mit ein. Kinderarmut ist Familienarmut, mit multiplen Belastungen auf allen psychosozialen und gesundheitlichen Ebenen. Sie hat das Potenzial einer transgenerationalen Weitergabe und ihre Bekämpfung muss daher eine dringliche gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein. Die Frühen Hilfen sind als Netzwerkmit ihren Angeboten in nahezu allen Kommunen vertreten und können somit im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beitragen, Folgen von Armut in der frühen Kindheit zu mildern. Sie tun dies vor allem mithilfe ihrer vernetzten lokalen und regionalen Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der 0- bis 3-Jährigen.
In der Praxis der Frühen Hilfen ergeben sich aufgrund ihrer Leistungen und ihres Netzwerkcharakters innovative Ansätze für eine sich den verändernden Bedarfen anpassende Armutsprävention. Es gilt sicherzustellen, dass daraus ein ausreichender Erkenntnistransfer zwischen den Frühen Hilfen und der Armutsprävention entsteht.
Die innovativen armutspräventiven Merkmale der Frühen Hilfen sind insbesondere:
- die Niedrigschwelligkeit ihrer Angebote, durch die sich für die Eltern sehr positiv besetzte Zugänge ergeben,
- die Frühzeitigkeit der Angebote und ihre starke Fokussierung auf die vorhandenen Ressourcen der Familien,
- die nachhaltige Befähigung der Familien im Umgang mit Problemen, insbesondere bei der Teilhabe an der Arbeitswelt,
- deren breit aufgestellte Erreichbarkeit, die sich aus dem diversitätsoffenen und lebensweltorientierten Zugang zu Familien in besonderen Belastungssituationen ergibt,
- der reflexive Umgang mit normativen Erwartungen gegenüber Menschen in Armutslagenund sozialer Ungleichheit aufgrund der multiprofessionellen und beteiligungsorientierten Herangehensweise aller Akteure Früher Hilfen,
- die Vernetzung der Kooperationspartner mit ihrer multiprofessionellen Herangehensweise und der daraus resultierenden flächendeckenden Verankerung,
- die Kooperation insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen, aber auch mit der Eingliederungs- und Sozialhilfe sowie den Job-centern als ein Ansatz für eine gelingende interinstitutionelle Form struktureller Zusammenarbeit,
- der politikebenen-übergreifende Ansatz eines Zusammenwirkens von Bund, Ländern und Kommunen,
- die permanente fachliche Begleitung durch das Nationale Zentrum Frühe Hilfen mit entsprechender Unterstützung, Beratung und Forschung,
- die landespolitische Einbettung mittels der Landeskoordinierungsstellen, wodurch ein permanenter Austausch zur Stärkung der Kommunen besteht, sowie
- die gesetzlich abgesicherte langfristige Finanzierung dank der Bundesstiftung Frühe Hilfen.
Die Angebote und Netzwerke Früher Hilfen bilden mit ihren prozesshaft gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen ein Erfolgsbeispiel, von dem andere Handlungsfelder und Politikbereiche im Sinne der Armutsprävention lernen könnten.
Empfehlungen des Beirats an die Politik
Der Beirat handelt in seiner Tätigkeit anwaltschaftlich für alle Familien, aber mit einem besonderen Blick auf die Gewährleistung einer chancengerechten gesellschaftlichen Teilhabe für arme Familien.
Um chancengerechte gesellschaftliche Teilhabe für alle, und insbesondere für arme Familien, zu gewährleisten, empfehlen wir der Bundesregierung dringlich:
- sozialökonomische und sozialökologische Lebensbedingungen von Familien in den Fokus zu nehmen, Teilhabe zu ermöglichen und Zugänge zu öffnen,
- Investitionen in Mittel der Frühen Hilfen sowie die Mittel entsprechend den sozialräumlichen Bedarfen auszurichten,
- die Mittel für Frühe Hilfen dauerhaft zu erhöhen
- Frühe Hilfen als Teil einer Armuts(folgen)prävention umzusetzen,
- aus dem Nationalen Aktionsplan (Neue Chancen für Kinder in Deutschland) eine einheitliche Armutsstrategie unter Einbindung von Bund, Ländern, Kommunen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu entwickeln und Haushaltsmittel für die Umsetzung von Maßnahmen im Rahmen dieser Strategie bereitzustellen,
- eine nationale Koordinierungsstelle für Armutsprävention einzurichten und dabei auf den Erfahrungen des NZFH aufzubauen,
- in der Armuts- und Reichtums-Berichtserstattung Prävention zu berücksichtigen und Frühe Hilfen als Teil davon darzustellen.